Emanuel Mathias

Schwarze Zungen 2025

  • Installationsansicht Raw Lemon Gallery Lepizig 2025

Schwarze Zungen 2025

Vitrinenobjekt Größe 210 cm x 70 x 70 cm, Objekt 2, Größe variabel, 70 x 60 x 40cm

In der Installation SCHWARZE ZUNGEN sehen wir das Porträt eines fiktiven Menschen, der die Erde verlässt, weil er sie komplett ausgebeutet und unbewohnbar gemacht hat. Als Ausgangspunkt dient ein eben solches Szenario aus einem Buch über Elon Musk, in dem der davon fabuliert, dass wir die Erde verlassen, um eine zweite Heimat im Weltall aufzubauen. Mathias fragt sich: „Was nehmen wir mit nach oben ins Weltall? Seltene Erden? Erinnerungen? Fotos? Kuscheltiere? Plattenspieler und Pink Floyds „Dark Side of the Moon“? Oder doch nur Nützliches? Zahnseide, Aspirin, Verhü-tungsmittel?In seinen Schichten von Fotos, Bildern und Alltagsobjekten, angereichert mit künst-lerischen, wissenschaftlichen, pseudowis-senschaftlichen und spekulativen Bezügen, entwirft er eine künstlerische, analoge Wun-derkammer fürs digitale Zeitalter. Gleichsam sprengt er die künstlerischen Grenzen von Biografie und Autobiografie, Fiktion und Autofiktion.

Er saß in einem der künstlich bepflanzten Gärten und notierte mit mechanischer Geste, auf einer Insel, irgendwo im Atlantik, in sein Notizbuch.

 

Eine schwarze Zunge aus Vulkanstein, überzogen mit Asphalt und Glas. Ein warmer Strom strich an ihren Küstenvorbei, zog ein Viertel aller bekannten Meeressäugermit sich – Delfine, Wale, Robben und Seekühe, vergessene Gesänge in der Tiefe. Die biologische Vielfalt war beeindruckend.

 

Die Tage waren erfüllt. Natur, Meer, Kultur, Pflanzen.Viel Zeit zum Nachdenken. Schreiben. Fotografieren.

 

Es war Nostalgie, die ihn trieb, Dinge zu sammeln: Überbleibsel, Zeugnisse, Fragmente einer Menschheit, deren Zeit sich dem Ende neigte. Es war nicht Wissenschaft, was ihn leitete, sondern eine persönliche Archäologie des Verschwindens.

 

Er glaubte, diese Objekte müssten mit zum Mars. Dass sie dort, fern der Erde, eines Tages bezeugen könnten, wer wir gewesen waren. Doch jedes dieser Fundstücke entbehrte jeder Plausibilität. Sie sprachen nicht von Fortschritt, nicht von Vernunft. Nur von Sehnsucht.

 

Ein Magnetfeld aus schwarzem Sand spannte sich unter seinen Füßen. Der Wind strich durch künstliche Palmen. Unter alledem rumorte der Vulkan. Ein dumpfer Puls aus dem Innern der Erde. Vielleicht würde er bald ausbrechen, alles zurücksetzen. Vielleicht auch nicht.

 

Er notierte: Tag 24. Steilküste. Nach der Flut sind Felsformationen sichtbar geworden, die aussehen wie Höhlenmodelle. Vielleicht wäre das der bessere Weg gewesen: unter der Erde verschwinden. Statt in den Himmel fliehen.

 

Am Abend fuhr er nach Puerto de la Cruz. Dort, im Loro Parque, wurde ihm ein Schauspiel der besonderen Art geboten. „Pinguin Kingdom“ – ein Fließband der Illusion: Die Menschheit gleitet vorbei an einer nachgebauten Grönlandlandschaft. Es ist exakt null Grad. Schneekanonen blasen feinen Staub auf das Fell der Kaiserpinguine. Alles glitzert. Niemand spricht. Er denkt: Hier wird die Zukunft mit der Energie der Vergangenheit eingefroren. Eine Simulation von etwas, das es bald nicht mehr geben wird. Und wenn die Kamera sich dreht – wie würde ein Gegenschussfilm aussehen?

mehr anzeigen

Emanuel Mathias ist Künstler und Forscher. In seiner Arbeit beschäftigt er sich mit Distanz-Nähe-Verhältnissen in interdisziplinären Zusammenhängen – zwischen Kunst und Wissenschaft, Mensch und Natur, Fiktion und Wirklichkeit. Fotografie interessiert ihn insbesondere als Speicher eines Standpunkts, den eine Fotografin / ein Fotograf in Bezug auf ein Objekt ihres oder seines Interesses eingenommen hat. Einen Menschen in einem einzelnen Foto zu porträtieren, geht das überhaupt? Diese Frage stellt sich Emanuel Mathias. Mathias forscht über Wissenschaftler, reflektiert sich als Rückkopplung auch immer selbst. In der Installation SCHWARZE ZUNGE sehen wir das Porträt eines fiktiven Menschen, der die Erde verlässt, weil er sie komplett ausgebeutet und unbewohnbar gemacht hat. Was wie Sci-Fi klingt, ist tatsächlich gar nicht so abwegig. Als Ausgangspunkt dient ein eben solches Szenario aus einem Buch über Elon Musk, in dem der davon fabuliert, dass wir die Erde verlassen, um eine zweite Heimat im Weltall aufzubauen. In welcher Form die Weltraum-Enthusiasten dies als Kritikpunkt an ihrem eigenen, vom Turbokapitalismus geprägten, ungezügelten Konsum und dem Raubbau an natürlichen Ressourcen verstehen, bleibt erst mal undurchsichtig. Mathias fragt sich: „Was nehmen wir mit nach oben ins Weltall? Seltene Erden? Erinnerungen? Fotos? Kuscheltiere? Plattenspieler und Pink Floyds „Dark Side of the Moon“? Oder doch nur Nützliches? Zahnseide, Aspirin, Verhütungsmittel? Eine dringende Frage stellt sich Mathias immer wieder in seinen Werken: Was macht uns überhaupt menschlich. Und wenn wir die Erde nicht mehr brauchen, was bräuchten wir woanders zum Überleben, außer Sauerstoff? Mathias‘ Vitrinen-Porträt sprengt hier sicher den Rahmen dessen, was man allgemein unter einem Foto-Porträt versteht. In seinen Schichten von Fotos, Bildern und Alltagsobjekten, angereichert mit künstlerischen, wissenschaftlichen, pseudowissenschaftlichen uns spekulativen Bezügen, verziert mit Flohmarktgedöns und persönlichem Krimskrams, einem ungeheuerlichen Sammelsurium und Gewusel an Farben, Formen und Phantastik, entwirft er eine künstlerische, analoge Wunderkammer fürs digitale Zeitalter. Gleichsam sprengt er die künstlerischen Grenzen von Biografie und Autobiografie, Fiktion und Autofiktion. Emanuel Mathias geboren 1981 in Halle/Saale studierte von 2002 bis 2009 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig Fotografie bei Prof. Timm Rautert und Prof. Christopher Muller und war von 2009 bis 2011 Meisterschüler bei Prof. Tina Bara. Er promovierte 2024 an der Bauhaus-Universität Weimar bei Prof. Michael Lüthy und Prof. Michaela Schweiger. Er lebt und arbeitet in Leipzig.

mehr anzeigen