Emanuel Mathias

A Fist Full of Peanuts, 2023

  • Galerie Intershop Leipzig 2023
  • Performace Galerie Intershop Leipzig 2023, Bild: Tom Dachs
  • Forscherwand 2023
  • Kamerafalle 2023

A Fist Full of Peanuts, 2023

Forscherwand (Version 1), 900,0 × 240,0 cm, C-Prints, Zeichnungen, diverse Materialien,200 Magnete, 2023, Ozouga Camp, Tapetendruck auf Affichendruck 180,0 × 250,0 cm, 2023One night at the jungle in Ozouga, Audio, 7:00 h, 2023, High Noon, 2:23 min, HD-Video, Monitor, 2023, Tagesablauf Primat, Forschender, Künstler, Typografie, Größe variabel, 2023, Nest, Stoff, Holz, diverse Materialien, Hängeleiter, 250,0 × 180,0 × 60,0 cm, 2023, Fieldnotes #3−#5, #8−#13 (Version 3), zehn Linolschnitte, 35,0 × 24,0 cm, Plexiglas, Holzleisten, 2020−2023, homes and offices #1−#43 (Version 3), C-Prints, je 29,0 × 21,5 cm, Magnete, 2013–2023, Zarges Boxes, diverse Objekte/ Materialien

Kulturstiftung des Freistaates Sachsen
Max Uhlig Reisestipendium
Ozouga Chimpanzee Project

A Fist Full of Peanuts

einwöchige 24-Stunden-Performance, Ausstellung, 2023

 

Ausgangspunkt der Ausstellung ist eine im März 2023 begleitete Reise von Primatolog*innen in den Loango National Park Gabun. Während einer einwöchigen 24h-Performance konnten die Besuchenden zu Zeugen einer sich verändernden Ausstellung und selbst zu feldforschenden Beobachter*innen des künstlerischen Arbeitsproresses werden, in dem verschiedenartige, installative Formen des Verwebens unterschiedlicher Materialien stattfanden. Was bedeutet es, wenn Wissen in unterschiedlichen materiellen Formen zwischen Kunst, und Wissenschaft, zwischen Dokument und Fiktion, zwischen Natur und Kultur zirkuliert?

Jürgen Kleindienst: Forscher die auf Affenschauen in der Leipziger Volkszeitung vom 7.11.2023

 

 

Der Leipziger Künstler Emanuel Mathias beobachtete Forscher, die in Gabun Affen beobachten.

Jetzt hat er die Galerie Intershop in seine eigene Forschungsstation verwandelt.

 

Die Tür ist offen. Durch den Raum schweben Urwaldgeräusche – Grillenzirpen, manchmal Donner,Undefinierbares. Eine achtstündige Tonspur aus dem Urwald im afrikanischen Gabun. Der Leipziger Künstler Emanuel Mathias hat die Galerie Intershop in der Spinnerei in eine künstlerische Forschungsstation verwandelt. Ein aufregend-verwirrendes Beziehungsgeflecht mit ihm selbst in der Mitte. Oder sind es die Forscherinnen und Forscher, die der Künstler beobachtete, wie sie Schimpansen beobachteten? 

Sechs Jahre hatte sich Mathias bereits mit der Forschungsarbeit am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig auseinandergesetzt, im März konnte er endlich die Affenforscherinnen und -forscher im Loango Nationalpark in Gabunm besuchen, gefördert von der Kulturstiftung des Freistaats Sachsen. Die noch bis Samstag gehende Ausstellung ist so etwas wie ein künstlerischer Zwischenbericht. Beobachter beobachten, wie ein Beobachter Beobachter beobachtet. Eines der Leitmotive seiner Arbeit ist die Auseinandersetzung mit dem Beobachten selbst. Jahre dauere es,erzählt Mathias, bis die Affen sich an die Forscher gewöhnt hätten, sich so verhalten, als seien sie nicht da. Das Thema spiegelt sich auf mehreren Ebenen in der Ausstellung. Für eine Woche wurde er selbst zum Beobachteten.

Er lebte und arbeitete als „Affenforscherkünstler“, kochte und schlief in der Galerie, konnte dabei besucht werden, verhielt sich aber so, als seien die Besucherinnen und Besucher nicht da – rund 250 kamen in der Woche. Fast eine 24/7-Performance. Nur für kurze Zeit trat er dabei aus der Rolle und kommunizierte mit den Besuchern.Der 1981 in Halle geborene Emanuel Mathias studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Fotografie bei Timm Rautert, war Meisterschüler bei Christopher Muller und Tina Bara. Seine Ausstellung mit dem Titel „A FistFull of Peanuts“ ist als multimediale Installation ein Gesamtkunstwerk.

In der Galerie befindet sich noch sein Schlafplatz unter einem Moskitonetz und die Kleidung, die er während der Performance trug.

Ein großes Foto zeigt die Hütten der Forschungsstation. Zu sehen sind ein Video, Fotos, Skizzen, Gefundenes und Gesammeltes – Pflanzen, Holz, Steine, Angespültes, Medikamente und an einer langen Wand entlang gestellte Kaugummidosen, die eine Forscherin nutzte, um Proben zu sichern. Auf dem Boden ausgebreitet ist das Tagebuch eines anderen Forschers, den Mathias intensiv begleitete. Eine ganze Wand repräsentiert als Kaleidoskop aus Fotos, Texten und Fragmenten in mehreren Kapiteln verschiedene Hintergrundthemen, aber auch die Geschichte der eigenen künstlerischen Arbeit. 

 

Gespräch mit einer belgischen Forscherin wird zum Schlüsselmoment 2010 hatte Mathias eine Gruppe von Börsenhändlern auf dem Großen Basar in Istanbul mit der Kamera begleitet. „Ganz wichtig war, dass sie irgendwann meine Anwesenheit vergessen.“ Später unterhält er sich darüber mit einer belgischen Primatenforscherin, die im Grunde das Gleiche über ihre Arbeit erzählte. „Das war mein Schlüsselmoment.“ So geht es auch in dieser Ausstellung um eine vielfach gebrochene Reflexion über künstlerische und wissenschaftliche Arbeit, letztlich um ein Nachdenken über die menschliche Suche nach Erkenntnis. „Mich beeindruckt die Hingabe, mit der die Forscherinnen und Forscher ihre Arbeit machen“, sagt Mathias, dessen Konsequenz gleichermaßen fasziniert. Die Arbeit der Wissenschaftler ist ein Wettlauf gegen den Untergang. In etwa 20 Jahren, fürchten sie, werden die Biotope, in denen die beobachten Schimpansen heute noch leben, nicht mehr existieren. An einer Wand hat Mathias typische Tagesabläufe von Primat, Forscher und Künstler nebeneinandergestellt. Der des Affen mit viel Fellpflege, Essen, Ruhen und zwei Mal Kopulation schneidet dabei nicht schlecht ab.

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